Riga Törn

hktoerns01riga01Etappe I

Klaipeda – so heißt unser erstes Etappenziel. ‚Ganz schön weit‘, murmelt jemand. Ja, genau. Und das in max. 12 Tagen. ‚Ganz viel segeln‘ wollen wir – strahlende Gesichter, strahlender Sonnenschein – und kaum Wind. So dümpeln wir los durch ein Meer, das eher wie Gelee anmutet. ‚Algenblüte‘, sagt unsere Bordbiologin. Ich fühle mich lebhaft an die TV-Kinderfilme der Augsburger Puppenkiste erinnert, in dem Wasser stets durch eine leicht flatternde Plastikplane simuliert wurde.

Erst nach dem ersten Badestop bin ich überzeugt. Ist doch Wasser. Unser Skipper glaubt das anscheinend auch so. Jedenfalls badet er nicht. Vielleicht muss er derweil auch noch ein Wörtchen mit dem Wettergott wechseln. Falls ja, so war er überzeugend. Denn wir kriegen Wind – gleich so viel, dass wir es in Bornholm nicht schaffen auszulaufen. Nach einer ‚Achterbahnfahrt‘ zwischen den Molenköpfen, die uns kein Stück weiterbringt, brechen wir ab. Morgen ist auch noch ein Tag. Da klappt es dann auch und wir segeln,
mit kurzem Zwischenstop in einem wunderschönen unaussprechlichen Ort in Polen – die Redaktion weiß, dass es Wladislawowo war – munter auf unser Ziel zu – und auch gleich vorbei. Der Wind weht aus der falschen Richtung und Koggen kreuzen nun mal so schlecht. Im Geiste schreibe ich schon Postkarten von den Ålandinseln. Doch in unseren Breiten kommt der Winddreher ja erfahrungsgemäss irgendwann und so auch dieses Mal – sogar termingerecht.

So segeln wir gemächlich an Molenköpfen mit lauter Schiffswracks und endlosen Hafenkränen vorbei – bis das Zoll-Speedboot kommt. ‚Follow me‘, ruft ein junger Mann und ist auch schon vorbei gesaust. Also- Segel runter, Motor an und dem sausenden Punktfolgen. – Schade, schon da.

Uline

 

 Etappe II
„Kurs Nord!“ Ist das erste Kommando, was ich nach dem Fallen der Segel zu hören bekomme.

Der Wind frischt auf und lässt die Kogge schwanken und schaukeln, sobald wir den Schutz der Hafenanlagen von Klaipeda verlassen haben. Meine erste Fahrt auf der Kogge war in meiner Vorstellung anders: Ruhiges Stampfen des Schiffes und einige Windstärken. So komme ich als „Landratte“, die die Kogge noch nie vorher gesehen, geschweige denn gefahren ist, zu unvergesslichen Erlebnissen auf der Ostsee …
Ein spontaner Entschluss hat mich auf die Kogge gebracht – und es hat sich eindeutig gelohnt!

Auf der Strecke von Klaipeda bis nach Riga hat sich die Ostsee von ihrer wilden, zwei Tage später aber von der allzu windarmen Seite gezeigt – irgendwann gewöhnt man sich auch daran, auf laufendem Dieselmotor zu schlafen… Eine Mischung an ganz verschiedenen Menschentypen sind diese Koggenfahrer, so scheint es mir Neuling nach Tagen, die aber zusammenhalten und zusammengeschweißt werden. Nicht nur der Sturm, auch die gemeinsamen Nachtwachen, in denen wir Leuchtfeuer auszählen und Türme anpeilen, sind die Momente, die verbinden.
Und wenn dann Norbert, der Koch, mit frischem Rührei und Speck die Schlafenden weckt, bin ich froh, nicht als letzter an der Pfanne stehen zu dürfen.
Nach einer Nacht auf See dann wieder Häfen: Ventspils, Mesrages. Während die ersten Letten sofort zu Fuß, mit Kinderwagen und Auto kommen, um das Schiff zu bestaunen, schwanke ich selbst über den Kai – das „Einlaufbier“ kann es wohl nicht sein. Die Suche nach einer Dusche ist allerdings in manchen Häfen wie in Mesrages vergeblich. Andere Duschen setzen Fährfahrten und lange Fußwege voraus.

Aber braucht man diesen neuzeitlichen Luxus wirklich? Dann aber: Riga! Kaum nähern wir uns der Flussmündung umkreisen uns vier, fünf Segelboote und eine Motoryacht und bewundern unser Gefährt aus einer vergangenen Zeit. Auch der Weißwein, geworfen von dem Party-Katamaran, landet sicher im allgemeinen Bestand der Flaschen.
Riga: Mischung aus Lübeck und Jugendstil und doch mehr. Seglerisch war die Fahrt am Ende angelangt, kulturell aber erst am Anfang.
Nächstes Jahr wird Klaipeda 750 Jahre – ob die Kogge wieder aufbricht? Ich bin dabei.

Stephan Dusil

Etappe III
Eine Woche Riga im Festrausch mit viel Musik auf Bühnen und in Kirchen und zum Abschluss ein Millionen-Feuerwerk – das bedeutete für die Hansekogge, selbst im Jubiläumsjahr, jeden Tag mit mehr oder weniger illustren Gästen auf Fahrt, wenn möglich unter Segeln hinaus aufs Meer!
Das Luxus-Catering ( jeden Tag Lachs!) wurde mit Personal in historischen Gewändern vom SAS Radisson geliefert, bei Stegveranstaltungen auch das Buffet im Zelt an Land mit Life Musik. Die Gäste zeigten großes Interesse an unserer Hansekogge und die Crew wurde nicht müde, wenn nötig auch in englischer Sprache Auskunft zu geben. Unvergeßlich das fünfstündige „open-ship“ mit unzähligen, sehr interessierten Gästen! Die Krönung war natürlich der Besuch des Bundespräsidenten Rau mit Gattin an Bord unserer Kogge!
Nach so einer Superwoche mit (bis auf den Regenankunftstag) Superwetter fiel der Abschied natürlich schwer. Noch ein letztes, von Maris organisiertes Luxusfrühstück mit Croissants usw., noch Lebensmittel und Wasser gebunkert und Leinen los mit 12 Mann an Bord inkl. Skipper und Koch. Es wurde eine lange Etappe, 72h nonstop auf See bis Gotland! Das war für viele ein ganz neues Kogge-Feeling: Wache zu viert im 4h Takt zu ganz verschiedenen Zeiten, z. T. gewöhnungsbedürftig. Aus tiefstem Schlaf gerissen, von 00 bis 04h in völliger Dunkelheit herumtappen, mit Mühe den Kurs halten,aber beim Ausguck doch immer mal wieder ein Blick an den faszinierenden Sternenhimmel, ein Erlebnis! Die Wache von 04 bis 08h dann mit einem grandiosen Sonnenaufgang, der das Segel rötlich schimmern ließ – toll !
Das Wetter wechselte von Gewitterböen (nur durch häufigen Kurswechsel mit vollen Segeln zu umschiffen) und Nebel in der Rigaer Bucht und mittleren bis mäßigen Winden bei viel Sonne ( Südseestimmung für die Freiwachen auf dem Kastell!) Eine frische Brise, die uns geradewegs nach Karlskrona bringen sollte, schlief dann doch ein und bescherte uns einen schönen Tag auf Gotland.

Ronehamn, ein kleiner Hafen mit einem laut brummenden Silo – aber endlich wieder festen Boden unter den Füßen! Unser Koch Norbert hielt gleich Ausschau nach Lebensmitteln, denn nach so langer Zeit fehlte schon einiges, um uns weiter mit schmackhaften Mahlzeiten verwöhnen zu können. Für einige war die Hansestadt Visby ein Muss – und sei es per Anhalter durch Gotland! Andere erkundeten die nähere Umgebung oder blieben auf dem Schiff.
Aus Mangel an Wind motorten wir zunächst weiter Richtung Karlskrona.


Gegen aufkommende Faulheit auf dem Sonnendeck hielt unser Skipper ein wechselndes Bordprogramm bereit: An- und Ablegetechnik, Knoten, Wetter, sowie Deckabspritzen mit der Feuerlöschpumpe. Nach ca. 48h dann endlich die ersten Schären vor Karlskrona, dazu noch Nebel – also schwierige Einfahrt und für den Nachwuchs (Vicky) an der Pinne eine Bewährungsprobe. Dirk profilierte sich dann beim Anlegen – Übung macht den Meister! Unser Koch verwöhnte uns an diesem Sonntagmorgen besonders, es gab nicht nur frische Brötchen, sondern eine Riesenpfanne Rühreier!Nach dem Aufklaren blieb viel Zeit, sich diese berühmte schwedische Marinestadt anzusehen – die malerische Altstadt mit winzigen Fischerhäuschen und die größte Holzkirche Schwedens, ein Kastell aus dem 17. Jh. und auch das Marinemuseum fand seine Liebhaber. Im Museumshafen legte gerade ein Nachbau der Kalmar Kogge an, eine kleine Schwester unserer Kogge.
Am nächsten Tag Flaute und Regen, eine defekte Klappbrücke zwingt zu einem Umweg, dann den ganzen Tag motoren bei widrigen Winden (6 – 7 Bft.),
dann endlich bei einbrechender Dunkelheit der Hafen von Karlshamn, wo es zu einem spektakulären Anlegemanöver kam. Am nächsten Tag war unsere Kogge mit Foto in den Schlagzeilen der Tageszeitung! Westwind mit Sturmstärke hinderte uns an der Weiterfahrt – also ein Regentag Pause in Karlshamn.
Den kurzen Schlag nach Ystad, wo der letzte Crewwechsel stattfand, bummelten wir unter Segeln mit 1½ bis 2 Knoten dahin, liefen unter Segel in den Hafen, geiten dann auf und boten so einen fotogenen Anblick, der gleich die Reporter der Tageszeitung anlockte.
Am Nachmittag gab es den letzten Crewwechsel – das bedeutete für 6 Leute Abschied vom Schiff und Rückfahrt auf dem Landweg über die neue Sundbrücke.

Erika

Etappe IV
Heimreise in den Etappen: Ystad – Møn – Stubbekøbing – Agersø – Lohals – Marstal – Strande – Kiel

In Ystad, am 30. August, war noch einmal Crewwechsel.
Dieser Tag sollte dann auch zu einem herausragenden Erlebnis werden. Über mehrere Stunden lief unsere Kogge zwischen 7 und 7,5 Knoten und während einer Stunde brachte sie es sogar auf 8,2 Knoten. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß dieses Schiff (Länge 23,3m, Breite 7,6m) zu derartigen Leistungen fähig wäre. Durch einen Blick ins Kielwasser konnte man ahnen, wie wohl sich unsere Kogge unter diesen Bedingungen in ihrem Element fühlen mußte. Einer sich windenden Seeschlange gleich, bildete sich im Kielwasser ein langer fluoreszierender Streifen, wunderschön anzusehen.
Gegen Abend ließ der Wind nach, bis er gegen 18.00 Uhr ganz eingeschlafen war. Deshalb wurde entschieden, Klintholm Hafen auf der Insel Møn anzulaufen. Um 19.00 Uhr machten wir in dem kleinen Fischer- und Yachthafen fest. Wir waren unter Segel 57 sm, mit Motor 2,5 sm gelaufen. Dieses Verhältnis sollte, wie man unten sieht, während der weiteren Reise nicht mehr erreicht werden.
Am nächsten Morgen verließen wir Klintholm Hafen mit dem Ziel Stubbekøbing. Distanz unter Segel 6 sm, mit Motor 16 sm.

Weiterfahrt am 3. September mit dem Ziel Fejø oder Femø. Da der Wind aus wechselnden Richtungen kam, wurde beschlossen, Agersø anzulaufen. Distanz unter Segel 19 sm, mit Motor 25 sm.
Am 4. September wurde der Kurs auf den Hafen Lohals auf der Insel Langeland abgesetzt Unter Segel wurden 8 sm, mit Motor 17 sm gelaufen.
Von Lohals ging es am nächsten Tag weiter nach Marstal, Insel Ærø. Distanz unter Segel 18 sm, mit Motor 5,5 sm.
Am 6. September war Strande unser Ziel, so daß wir unserem Heimathafen an diesem Tag schon sehr nahe kommen sollten. Distanz unter Segel 18 sm, mit Motor 22 sm.
In Strande war am nächsten Morgen auf und unter Deck Reinschiff angesagt, damit unsere Hansekogge ihren Heimathafen in einem blitzsauberen Zustand wiedersehen konnte.
Am 7. September 2001, um 15.15 lag sie nach einer 44-tägigen Abwesenheit wieder an ihrem vertrauten Liegeplatz, freundlich begrüßt von vielen Verehrerinnen und Verehrern.

Harald Hochstrat


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