Sommertörn 99

Zeit der kurzen Nächte – oder Bohlen die für und die Welt bedeuten…

Gottes sind Wellen und Wind, doch Euer sind Segel und Steuer, dass Ihr den Hafen gewinnt.

 

Urlaubstörn ’99 – 1. Etappe Zur Hanse-Sail nach Rostock


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Im Theater garantiert eine verpatzte Generalprobe angeblich den Erfolg. Ob es auf den dicken Eichenbohlen der HANSE-KOGGE, die in den nächsten Wochen unsere Welt bedeuten sollen auch so ist?

 

Kleine Pannen – hier fehlt ein Personalausweis, da das Nähzeug, da ein Genussmittel – sind das keine guten Voraussetzungen? Mit 1½h Verspätung geht es am letzten Julitag los mit einer 10köpfigen bunt zusammengewürfelten Crew – mit Neuen, mit Wiedereinsteigern und mit Profis – alles in allem eine gute Mischung, die bald ein gut tragendes Gemeinschaftsgefühl schafft. „Panik an der Pinne“ wird von den Profis nachsichtig ertragen und korrigiert. Kappeln soll unser erster Zielhafen sein – die LOTH-LORIËN unser Nebenlieger während der Kieler Woche – folgt uns in die Schlei. Im Hafen machen wir 2h „open ship“ und unser Abendessen danach wird von einem romantischen Abendrot vergoldet. Uns wundert’s nicht, dass die Nacht doch sehr kurz gerät.

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, Brötchen und strahlender Sonnenschein wird von einigen wahrgenommen. Bei Dirk paaren sich zwei Eigenschaften: Er ist Frühaufsteher und Hobbykoch. Ein weiteres Crewmitglied kommt an Bord und wir können Kurs auf Ærø nehmen. 3-4 Windstärken, um und bei 30ºC und nur der Wind, knarrendes Holz, flatterndes Segel und das Glucksen des Wassers geben das Ambiente wie für einen Werbefilm – wo war die Kamera? Wir sind aber nicht zur Erbauung da – ein „Boje über Bord“-Manöver gibt es zur Abwechselung, ehe wir nach Ærøskøbing, der dänischen Märchenstadt einlaufen. Ein „Open ship“ wird mit vielen interessierten Besuchern durchgeführt. Auch die Crew hat ihre Erbauung – ein Spaziergang im Sommerwind oder ein Live-Blues-Konzert.

 

Am nächsten Morgen lockt das Wetter an den Strand. Die Küchencrew sorgt für Verpflegungsnachschub, gilt es doch am Abend Jans 35sten Geburtstag zu feiern. Zuvor müssen wir aber den Svendborgsund passieren, um nach Lohals auf Langeland zu kommen. Das „open ship“ leidet etwas unter der Geburtstagsparty für Jan. Das Geburtstagskind hatte sich Labskaus gewünscht – und selbst zubereitet. Frischkäsetorte mit Schlagsahne beendete das Menue, aber noch keineswegs die wieder viel zu kurze Nacht. Wer feiern kann, muß auch aufstehen können. Kein Zweifel, mit guter Kondition steuern wir Femø an. Fender, Knoten, Leinen und die Pinne sind immer weniger fremde Wesen – 30er Sunblocker und lange Ärmel sind bei dem Bombenwetter dafür mehr im Gespräch.

 

Unser Termin Rostock rückt näher, doch „widriger“ Wind zwingt uns, die Schottel anzuwerfen. So weit – so gut, doch wo waren die Tonnen geblieben? Skipper Ulli und unsere Wachführer sind gefordert, nach Femø mit Hilfe von GPS, Kompass und Echolot zu navigieren. (Anm.d.Red.: s. Motto) Der Minihafen war voll mit Seglern, die zu einem Jazzfestival gekommen waren, das gerade anfing. Neben der Kogge soll auch noch ein dänischer Traditionssegler Platz finden, mit dem wir später im Päckchen liegen. Beim „open ship“ werden wir beinahe überrannt. Die Stimmung ist riesengroß, wen wundert’s, daß es wieder eine „kurze“ Nacht wird.
Am nächsten Tag heisst es um 10h schon „Leinen los“ mit Kurs auf Gedser. Wir können noch ein wenig segeln, queren jedoch die Schifffahrtsstraße unter Motor.

Es herrscht jede Menge Verkehr und erstmalig sind auch die Wachen richtig ausgelastet. Nach etwa 12h machen wir in Gedser fest und sind naturgemäß etwas erschlagen von der Atmosphäre des geschäftigen Fährhafens am Abend – nach den kleinen „Südseekäfen“ ein abrupter Break! – Wundervoller Sternenhimmel, ein Shanty und ein Glas Rotwein werden auch mit diesem kleinen Stimmungstief fertig – wir wundern uns nur, wie wir mit dem ständigen Schlafmangel fertig werden. Pünktlich am 05.08. laufen wir in Rostock ein. Schon vor der Warnowmündung und erst recht beim Einlaufen sind wir von vielen Windjammern und Traditionsseglern umgeben. Mit der UBENA VON BREMEN schippern wir im „Konvoi“ die Warnow hinauf. Unser Liegeplatz ist noch besetzt, so gehen wir an der UBENA längsseits, mit dem Erfolg, dass wir schon wieder mit ihnen feiern „müssen

 

Ein übrigens ganz hervorragender Sänger gibt eine Interpretation von „My Bonnie is over the Ocean“, die unter die Haut geht. UBENA, wir danken Euch herzlich für diese Einladung. Unsere Gäste von der IHK-Rostock finden uns am nächsten Morgen frisch gewaschen und fröhlich vor. Mit mäßigem Wind und Akkordeonbegleitung geht es aus der Warnow hinaus auf die Ostsee. Wir genießen das prachtvolle Wetter und die phantastische Vielfalt der Schiffe. Ein Hubschrauber über uns erregt unsere Aufmerksamkeit und eine Yacht neben uns will vom Skipper ein Interview für den NDR. Bei der Gelegenheit finden wir uns auf der Startlinie einer Regatta wieder – trotz der guten Position müssen wir der Versuchung widerstehen, unseren guten Platz bis ins Ziel zu verteidigen – schließlich haben wir Gäste an Bord, die pünktlich an Land zurücksein müssen. Als wir die Gäste abgeliefert haben, gibt es ein gemeinsames Abendessen und danach wurde die Amüsiermeile getestet.

 

Zur Musik des NDR-Musikzeltes wurde weitergefeiert, schließlich bei uns an Bord mit eigenen Mitteln. Am nächsten Tag sind wir noch beim Aufklaren, als die ersten Gäste erscheinen. (Anm.d.Red.: Das war in Rostock doch schon immer so!) Mit ausgedünnter Crew – vier von uns haben Landgang – machen wir uns auf den Weg. Die Gäste sind sehr kooperativ und aufgeschlossen, wir haben gute Gespräche und wir verbringen einen schönen gemeinsamen Tag. Nach dem Absetzen der Gäste müssen wir für die Feuerwerksfahrt noch Diesel bunkern. Man sollte nicht gegen den Strom schwimmen – alle Segler kommen uns jetzt entgegen! So kommt es, dass unsere nächsten Gäste, der Catering-Service und die Musi schon an der Pier warten.

Die Kogge-News-Berichterstatterin musste leider mit von Bord und konstatiert: Ein Supertörn, der wirklich keinen Urlaubswunsch offen ließ. Bei bestem Sommerwetter wurde viel gelacht, gesungen, gebadet, gelesen, gelernt, gesegelt – und zum Abschied sogar ein bisschen geweint. Von der Bemerkung zu Beginn dieses Berichtes, dass die Bohlen der Kogge für uns die Bretter sind, die die Welt bedeuten, muss ich absolut nichts zurücknehmen.

MARTINA

Urlaubstörn ’99
2. Etappe Zurück nach Kiel

Der Rückweg nach Kiel ging wieder zurück über Gedser und die dänische Südsee: Nykøbing – Mittelalterzentrum – Guldborg – Agersø – Rudkøbing – Marstal waren die Etappen unseres Törns. Hier wären wir beinahe eingeweht – es waren drei Tage Sturm angesagt – doch der Reihe nach: Fangen wir am 08.08. mit dem Sonntagsfrühstück an, ohne das auf keinem Schiff etwas läuft, schon gar nicht auf der HANSE-KOGGE. Es ist schon hell, doch keiner kann sagen, wie spät es ist – einigen wir uns auf „kurz nach halb“. – Rainer vermisst mal wieder den Käseschneider – drei davon hat er schon gestiftet; nun hat er einen am langen Bändsel, damit er nicht wieder den Weg aller bisherigen Käseschneider ginge.

Es ist spannend, zuzusehen, wenn Rüdiger Käse schneidet. Draußen auf der Ostsee wird das Segel gesetzt; so ganz dolle ist es nicht. Aber wir können den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht nachholen. Der Skipper sorgt sich um unser Etmal: „Alles was unter 2kn ist, hat keinen Wert!“ Das Log zeigt 1kn – also holen wir die Rah herunter und die Schottel werden gestartet. Wir kriegen Besuch: Drei Tauben, alle beringt, nutzen uns als Fähre bis Gedser. „Weil die uns alles vollscheißen“, versuchen wir sie mehrfach, wegzuscheuchen, doch ohne Erfolg! Jan fängt ein Gespräch mit ihnen an, mit dem Erfolg, dass sie nun Wasser aus einem Schälchen dankbar annehmen. Der Abend in Gedser bleibt ruhig – wir gehen früh in unsere Schlafsäcke.

Dorle ist nachts nach einer langen Fahrt via Travemünde-Rostock gekommen. Nach dem Frühstück – diesmal mit Käseschneider versteht sich – geht es durch Sände und vorbei an Untiefen mit GPS-Koordinaten nach Nykøbing. Um der Kogge beim Kurshalten zu helfen, haben unsere Schiffszimmerleute eine Schleppvorrichtung für HANS-E-PLAST gebaut. Zum Aufmuntern der Crew werden Vitamine und Naschies in Form von Nektarinen und allerlei Gummikram – was die Plastiktüten so hergeben – gereicht. Der Klappbrüc kenmeister ist per Handy nicht zu erreichen, also wird unser Schleppboot aktiv, um uns nicht ins Flache abtreiben zu lassen. Drei Rote Lichter geben uns den Weg durch die Klappbrücke in Richtung Norden frei. Skipper Ulli, Rudergänger Achim und Fernglaspeiler Rainer können sich nun dem leckeren Salat widmen, den Dirk fabriziert hat. Im Hafen hinter der Brücke machen wir fest.

 

Eine Diskussion um den Zeitpunkt des Aufstehens wird durch einen Frachter wesentlich abgekürzt – er will an unserem Liegeplatz festmachen. Also geht es los, im HANS-E-PLAST fahren wir voraus, um die Durchfahrt der Kogge durch Klappbrücke zu dokumentieren, sind hier doch nur je 30cm Platz an jeder Seite. Im Hafen machten wir „open ship“ und besuchten unsererseits die Handels- und Handwerksstände im Mittelalterzentrum. Hier drückte mir ein Mittelaltermensch ein Brot, eine Mettwurst und einen Tonbecher mit Traubensaft in die Hand. Er stellte sich als Jonas vor und wollte die Kogge sehen. Auf der Kogge wurden das zweite Frühstück mit Begeisterung aufgenommen – nur Jonas hatte ein Problem mit einer Cola-Dose, die Ulrike ihm anbot, ein echter Mittelalterlicher benutzt solch modernen Kram nicht und war erst mit einem Becher glücklich.

 

Aus meinem Mittagsschlaf wurde ich durch Getrappel und Gequietsche unsanft geweckt. Beim Blick nach draußen kriegte ich etwas von einer Wasserschlacht ab, die von Jan und Dirk ausgetragen wurde. Wie schön bei der Sonne. Abends lud uns das Zentrum zum Grillen auf ihrer Insel ein. Mit deren Mittelalterbooten – mit Motor – fuhren wir auf diese Insel, einsam und mit drei verlassenen Häusern, machten Lagerfeuer und bekamen gegrillte Rippchen mit Honigsenf. Sehr lecker! – Der nächste Tag begann mit der Sorge um Proviant. Dimitri, ein junger Russe wollte kochen und brauchte dazu Fleisch. Per HANS-E-PLAST fuhren wir zu viert nach Nykøbing. Der Hinweg verlief ohne Probleme, doch der Rückweg wurde etwas schwierig: Vier Mann, der Einkauf, Welle und Gegenwind machten die Fahrt zu einem Erlebnis. Die Plastikbehälter für die Nektarinen wurden Ösfässer und so kamen wir mit nassen Füßen und nach ein paar Duschen wieder bei der Kogge im Hafen an.

 

 

Unser Plan, vormittags auszulaufen, wurde von den Mittelalterleuten durchkreuzt. Sie wollten uns irgendwie nicht weglassen. So kamen wir noch einmal in den Genuss von Grillrippchen, Hühnerbroten und Mittelalterbier. Als wir danach ans Tageslicht kamen, war draußen SoFi in vollem Gange. Die Feuerlöschdecke aus dem Erste-Hilfe-Kasten eignete sich hervorragend, die Sonnenfinsternis zu betrachten. Das Manöver durch die Brücke klappte gut, doch unser Tagesziel Femø war des Gegenwindes wegen nicht zu erreichen. Wir machten in Guldborg fest. Von hier bis Agersø sind wir gegenan motort. Auf der Fahrt werden wir mit der Technik der GPS-Navigation vertraut gemacht. Die Einkaufsfahrt hat sich gelohnt: Ulli und Rainer waren von Dimitris Kochkünsten total begeistert und gingen unverzüglich zu Koje. Der Rest der Crew hatte mit dem Kapitän eines Geologenschiffes Gelegenheit, der Erzählung von einer Weltumsegelung zu lauschen.

 

 

Der nächste Tag – Freitag der Dreizehnte – sah uns an der neuen Große-Belt-Brücke. Wir hofften, dass die Sonne die Luft etwas wärmer machte. Bei wenig Wind wurde das Segel gesetzt eine gute Voraussetzung zum Pfannkuchenbacken. Wenig Wind erlaubte ein Bad in der dänischen Südsee. Entweder sprangen wir von der Bordwand oder ließen uns – wie Tarzan an der Liane und mit lautem Geschrei – mit dem Vorholer ins Wasser schwingen. Es war voll gut!! Unter Maschine passierten wir die Brücke bei Rudkøbing. Die 1½m zwischen Mastkreuz und Brücke sahen ziemlich gefährlich aus. Bis zum Dunkelwerden wurde noch einbisschen Volleyball gespielt zum Erreichen der nötigen Bettschwere.

 

 

Der vorletzte Tag der Reise brachte nur eine kurze Fahrt bis Marstal. Treffpunkt sollte um 20h zu einer Lagebesprechung sein. Weil es kalt war und regnete verzogen wir uns in eine Kneipe. Es begann um 18h mit heißem Kakao und Meiern. Danach ging es mit Billardspielen, tanzen und Bier weiter – es war sehr lustig – und trocken. Am Sonntag warf uns der Skipper um 08h mit dem Starten der Maschine aus der Koje. Ein Wetterloch in dem angekündigten Drei-Tage-Sturm nutzten wir zur letzten Etappe. Es war kaum ein Windhauch zu spüren – dafür hatten wir Regen, Regen, Regen! So kamen wir zwar nicht trocken, dafür aber fröhlich wieder nach Kiel. Gegen 14h machten wir am gewohnten Liegeplatz vorm Schifffahrtsmuseum fest.

JULIA


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